Seite 3 - dem16_mag_zusammenstellung

Basic HTML-Version

Peter Wißmann und Michael Ganß
Geschäftsführende Herausgeber
editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
sechzig Gefühle beschreiben Gabriele Frick-Baer und Udo
Baer in ihrem ABC der Gefühle. Diese reichen von der
Angst bis zur Zuversicht, und dazwischen kann es einem
schon mal passieren, dass man den festen Stand verliert
und das Meer der Gefühle über einem zusammenschwappt.
Es gilt, die Balance zu finden. Die Balance zwischen kühler,
Sicherheit vermittelnder Rationalität und dem gefühlvollen
Hinspüren auf das Bauchgefühl.
Als gefühlvoller, sensibler Mensch betitelt zu werden,
schmeichelt uns für gewöhnlich. Gefühle wie Freude, Liebe,
Glück lassen uns auf Wolke sieben schweben und durchs
Leben tanzen. Und es gibt Momente im Leben, da holen
uns die Gefühle nicht nur von der siebten Wolke herunter,
sondern schlagen uns nieder, lassen uns im Boden versin-
ken, manchmal sogar bis zu einem Zustand des Nichts-
mehr-fühlen-Könnens.
In diesen Momenten hilft nicht einmal mehr kühle Ra-
tionalität. Ist die Demenz so ein Ereignis im Leben? Eines,
an dem schwarze Wolken von tiefschwarzen abgelöst wer-
den? Oder bietet auch ein Leben mit Demenz einen bunten
Strauß der Gefühle? In dieser Ausgabe von
demenz
.
DAS
MAGAZIN
wenden wir uns der Gefühlswelt zu. In einigen
Beiträgen gefühlvoll, in anderen mit überlegter Distanz,
um Zusammenhänge reflektiert betrachten zu können. Das
Leben und die unterstützende empathische Begleitung
von Menschen braucht beides. Die eigenen Gefühle, das
Mitfühlen mit dem anderen und eine reflektierte Distanz
mit der Möglichkeit, Gefühle „an die Hand zu nehmen“,
um sie halten und mit ihnen umgehen zu können.
Nicht nur die Betroffenen haben Gefühle, auch die, die
sie begleiten. Welche und wie sie in der Begleitung mit den
eher dunklen Gefühlen der Menschen mit Demenz umgehen
können, schildern Mitarbeiter einer Wohngemeinschaft für
Menschen mit Demenz. Thomas Herrmann wendet sich
einem Tabugefühl von Pflegekräften zu: dem Ekel. Was es
mit der viel beschworenen professionellen Distanz auf sich
hat und was sie bedeutet, wenn doch gleichzeitig empathi-
sche personzentrierte Pflege auf Augenhöhe verlangt wird,
beleuchtet Detlef Rüsing. Hat vielleicht Renate Berner in
ihrem Beitrag eine Lösung anzubieten: Roboter? Haben die
auch Gefühle? In jedem Fall lösen sie aber bei Betroffenen
und bei Pflegekräften Gefühle aus.
Welche Gefühle haben Menschen mit Demenz eigent-
lich? Betroffene berichten von ihren Empfindungen und
wie sie gelernt haben, mit ihnen umzugehen. Sich in der
Demenz neu zu verlieben und dieses Gefühl zu leben! Geht
das überhaupt? Christin Bryden hat es sich auch nicht vor-
stellen können, sie beschreibt, wie es dann aber plötzlich
mitten in ihrem Leben stand. Um den Umgang mit Gefühlen
geht es auch in der Kontroverse, die sich diesmal an der
Validation entzündet. Heino Masemann berichtet, wie er
hat lernen müssen, seine Mutter mit Demenz loszulassen,
um mit seinen Gefühlen klarzukommen.
Der Umgang mit den eigenen Gefühlen ist auch Thema
von
demenz.
Leben
. Dort kommen Angehörige und bürger-
schaftlich Engagierte zu Wort, und Beiträge von Experten
bieten einen Blick von außen auf das Gefühlsgeschehen
zwischen Angehörigen und Betroffenen.
Die
Bausteine
sind diesmal eine Handreichung für den
professionellen Umgang mit der Trauer von Menschen
mit Demenz.
Wir wünschen Ihnen erhellende Gedanken und gestärkte
Gefühle beim Lesen.
Michael Ganß (l.), Peter Wißmann (r.)