Peter Wißmann und Michael Ganß
Geschäftsführende Herausgeber
editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
im Jahr 2010 überraschte der damals 93-jährige
ehemalige französische Widerstandskämpfer und
UN-Diplomat Stéphane Hessel die Öffentlichkeit
mit einem kleinen Buch, das es in sich hatte. In
„Empört euch!“ – so sein Titel – kritisierte Hessel
vehement bedenkliche Aspekte der politischen
Entwicklung und rief zum politischen Widerstand
auf.
Schaut man auf die Situation rund um die
Themen Demenz und Pflege, wird man ebenfalls
genügend Anlass für Empörung und die Not-
wendigkeit, sich zur Wehr zu setzen, finden. Aus
diesem Grund haben wir dieses Heft dem Thema
„Widerständisch sein“ gewidmet. Und wie Sie
es von uns gewohnt sind, betrachten wir unser
Thema sowohl aus einer individuellen als auch aus
einer strukturellen politischen Perspektive, aus der
Sicht von Demenzbetroffenen, von Angehörigen
und von professionellen Helfern.
Manches Verhalten von Menschen mit Demenz
wird leichthin als „herausforderndes Verhalten“
oder als mangelnde Einsichtsfähigkeit abgetan.
Aber haben wir es möglicherweise hier oftmals
eher mit einem durchaus sinnvollen und verständ-
lichen Akt von Widerstand gegen Bevormundung
und Stigmatisierung zu tun? Wir sind dieser Frage
nachgegangen.
Das Gesundheits- und Pflegesystem in
Deutschland bringt so manche Kuriosität und Fehl-
entwicklung hervor. Die sogenannten Pflegenoten
nutzen erwiesenermaßen nur der Bürokratie. Wie
Einrichtungen unter ihr leiden, sich aber auch
nicht mit ihnen abfinden wollen, das ist ebenso
Thema wie der Versuch von zwei Kommunen,
mittels des Bebauungsrechts nicht zum Spielball
von Investoreninteressen zu werden.
Klaus Fussek ist der bekannteste Kritiker von
Pflegemissständen in Deutschland. Sein Wider-
stand gilt vor allem dem weitverbreiteten Schwei-
gen darüber. Manche Vertreter der Pflegebranche
kritisieren ihn für seine offensive Strategie. Doch
für das geplante Kontroversegespräch für diese
Ausgabe konnten wir keinen einzigen Kontra-
henten gewinnen. Bemerkenswert! Dafür gibt
es aber ein aufschlussreiches Gespräch mit dem
Pflegekritiker Nummer eins in diesem Land.
„Sind wir denn alle verrückt?“, fragt ein Auto-
renkollektiv in seinem Beitrag. Mit dem Inkrafttre-
ten des neuen Psychiatriemanuals DSM V schreitet
die Psychiatrisierung des Lebens in großen Schrit-
ten voran. Neue Krankheiten werden erfunden
und Millionen neuer Patienten geschaffen. Die
Autoren rufen dazu auf, nicht die Augen gegen
diese unheilvolle Entwicklung zu verschließen,
sondern sich aktiv zur Wehr zu setzen.
Viele weitere spannende Artikel und Beiträge
warten in dieser Ausgabe darauf, von Ihnen ge-
lesen zu werden. Und: Das Kompetenzteam, das
die Arbeit von
demenz
.
DAS MAGAZIN
begleitet, hat
prominenten Zuwachs erhalten. Wir begrüßen als
neue Mitglieder Udo Baer, Klaus Dörner, Gabriele
Frick-Baer, Claus Fussek und Erich Schützendorf.
Herzlich willkommen!
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und
den Mut zum Widerstand, wo es notwendig ist.
Michael Ganß (l.), Peter Wißmann (r.)
„Widerständisch sein“
in den Bereichen Pflege
und Demenz bedeutet,
sich nicht abzufinden
mit schlechten,
empörenden und
menschenunwürdigen
Zuständen. Es bedeutet,
zu handeln, statt nur
zu jammern.