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demenz
DAS MAGAZIN
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16 · 2013
Zum Selbstbild vieler Menschen zählt die Vorstellung, ein primär vernunftgesteuertes
Wesen zu sein, dessen Gefühlserleben allenfalls sekundär, in jedem Fall aber durch
den Verstand kontrollierbar sei. In Wahrheit spielen Gefühle aber im Leben und
Erleben eines jeden Menschen eine zentrale Rolle. Sie entziehen sich der Logik des
Verstandes und sie sind nicht messbar. Unglücklicherweise werden sie oft übersehen,
ignoriert oder sogar lächerlich gemacht.
Wer sich intensiver mit den Gefühlen der Menschen beschäftigen möchte, dem
steht eine ganze „Bibliothek der Gefühle“ zur Verfügung. Udo Baer und Gabriele
Frick-Baer haben diese wunderbar verständliche und hilfreiche Bibliothek geschaffen.
Sie besteht aus mehreren Bänden und behandelt wichtige Gefühle. Sie ist für jeden
geeignet, der seinen Gefühlen mehr Aufmerksamkeit und Achtung schenken will.
Für alle, die mit demenziell veränderten Menschen zu tun haben, sollte sie so etwas
wie eine Pflichtlektüre darstellen.
Im
„ABC der Gefühle“
werden rund sechzig (!) Gefühle – von Angst bis Zuversicht
– auf sehr ansprechende Weise vorgestellt. Die Autoren unterstellen nämlich, dass
jedes Gefühl ein individuelles Wesen sei, und befragen es, so beispielsweise nach
seinem Sinn, oder auch nach dem, was zu seinem Verschwinden beitragen kann.
Auch die Beziehungen der Gefühle untereinander werden beschrieben.
In
„Wege finden aus der Einsamkeit“
werden fünf unterschiedliche Facetten des
Einsamkeitsgefühls und ihre möglichen Ursachen beschrieben. Und es geht darum,
was gegen Einsamkeit hilft und zurück in ein Leben in Kontakt mit anderen führt.
Alle Menschen wollen sich geborgen fühlen. Doch es gibt „Geborgenheitskiller“
wie beispielsweise Misstrauen oder unbetrauerte Verluste. In
„Das Wunder der
Geborgenheit“
zeigt das Autorenteam, wie solche Killer besiegt werden können.
Wie kann ich mich würdigen, wenn ich keinen Sinn für das habe, was mir eigen
ist? Mit dieser und weiteren Fragen machen sich Gabriele Frick-Baer und Udo
Baer auf die faszinierende Suche nach dem Zusammenhang zwischen Würde und
Eigensinn. Denn – so die Autoren – wer entwürdigt wurde, muss für sein Recht
auf Eigensinn kämpfen.
Wie sehr gilt das auch für Menschen mit Demenz! Ärger
und Zorn sind Gefühle, die oft unterdrückt werden. Das kann fatale Folgen haben. In
„Der kleine Ärger und die große Wut“
geht es darum, wie man sich in der überall
vorfindbaren
„Landschaft aggressiver Gefühle“ zurechtfinden kann. „Vom Sich-
fremd-Sein bis zum In-sich-Wohnen“
lautet der Titel eines weiteren Bandes, der
ein gerade auch für die Arbeit mit demenziell veränderten Menschen sehr wichtiges
Gefühlspaar behandelt. Was hilft, damit wir uns „zu Hause fühlen“ können?
Um ein weiteres (auch oder besonders) für Menschen mit Demenz zutreffendes
Gefühl geht es in
„Vom Schämen und beschämt werden“
. Die Autoren beschäftigen
sich mit den destruktiven Seiten der Scham, sehen in ihm aber auch ein „weises“
Gefühl, das unerlässlich zur Erhaltung oder zur Wiedererlangung von Würde sein
kann. Welche Quellen haben Schuldgefühle? Und wie kann man sich von ihren
dunklen Schatten im eigenen Leben befreien? Der Band
„Schuldgefühle und inne-
rer Frieden“
zeigt hierzu Wege auf.
„Wie Kinder fühlen“
und
„Vom Trauern und
loslassen“
(
Bausteine.
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sind weitere Bände der Bibliothek der Gefühle.
Christina Wißman
ist
Dipl.-Sozialpädagogin
und Sozialarbeiterin.
E-Mail: christinawiss-
mann@arcor.de
Christina Wißmann
Packende Einblicke in die unterschiedlichsten
Gefühlswelten
Die Bibliothek der Gefühle