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demenz
DAS MAGAZIN
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16 · 2013
Vor allem aber hatte ich einen guten Zugang zu den
Patienten. Sie vertrauten mir und erzählten mir vieles,
was sie den anderen (professionell) Pflegenden nicht
erzählten. Am nächsten Tag ging ich wieder zu mei-
ner Stationsschwester und fragte sie, warum sie mich
für ungeeignet für den Beruf hielte. Sie sagte zu mir:
„Du nimmst dir immer alles so zu Herzen – vor allem,
wenn jemand stirbt. Ich glaube nicht, dass du in dem
Beruf klarkommst. Dir fehlt einfach die professionelle
Distanz. Wenn du unbedingt in die Pflege willst, dann
werde Altenpfleger. Wenn da jemand stirbt, nimmt es
dich vielleicht nicht so mit.“ Nun gut, ich bin also Al-
tenpfleger geworden, wenngleich ich heute schmunzeln
muss, wenn ich an den beschriebenen Grund denke!
Fast jeder, der hauptberuflich in der Pflege von Men-
schen arbeitet, hat das geflügelte Wort der für den
Beruf „notwendigen professionellen Distanz“ als Teil
der Professionalität zum Klienten/Patienten/Kunden
schon einmal gehört. Und vielen – einschließlich mei-
ner Person – wurde es in etwa folgendermaßen erklärt:
Eine professionelle Distanz bedeutet, „sich in unserem
Pflegeberuf“ nicht alles zu Herzen zu nehmen. Falls
man dies nicht könne, sei man für den Beruf nicht ge-
eignet und ein „Burn-out“ das Mindeste, was einen
ereilen würde. „Etwas nicht an sich herankommen zu
lassen“ sei professionelle Notwendigkeit; ansonsten
würde man es in diesem Beruf nicht lange aushalten.
Ich erinnere mich auch gut daran, dass mir als Vorbild
häufig das professionelle Verhältnis von Medizinern und
Patienten genannt wurde. Ein Chirurg dürfe sich auch
nicht ständig Gedanken über das Leiden des Patienten
machen, sonst könne er seine Arbeit nicht professionell
ausführen. Diese Einstellung hatten in meiner Praxis
sogar Patienten verinnerlicht, die die Ärzte nicht mit
ihren Leiden oder geschweige denn ängstlichen Fragen
„belasten“ wollten und stattdessen uns Pflegende nach
der Visite im Krankenhaus mit ihren Sorgen, Nöten und
Ängsten konfrontierten.
Bedeutet demnach professionelles Arbeiten, die
Gefühle anderer und eigene Gefühle abzuwehren und
gegebenenfalls Techniken zu entwickeln, damit es gar
nicht erst dazu kommt, dass mich als Pflegeprofi das
Leiden und womöglich auch die Freude des Klienten
berühren? Oder geht es nur darum, das Leiden nicht an
sich herankommen zu lassen, die Freude aber schon?
Bin ich erst dann ein Profi, wenn mir Letzteres gelingt?
Wahrhaftig sein
Die meisten sind sich sicher einig darüber, dass eine
professionelle Pflegekraft zum einen über eine Ausbil-
dung und Wissen, erworben durch Fort- und Weiter-
bildung, verfügen muss. Die meisten sind sich aber
auch darüber einig, dass eine entscheidende Fähigkeit
zudem – insbesondere bei der Pflege von Menschen
mit einer Demenzerkrankung – vorhanden sein muss:
die Fähigkeit, in Kontakt zu den Menschen zu treten
und diesen auf wahrhaftige Weise zu begegnen. Folgt
man den Ideen des britischen Sozialpsychologen Tom
Kitwood (Kitwood 2000), basiert ein personzentrierter
Ansatz im Umgang mit Menschen mit einer Demenzer-
krankung zum einen auf der rogerianischen Trias von
Akzeptanz, Kongruenz und Empathie (Rogers 1983)
und zum anderen auf der Beziehungskategorisierung
Martin Bubers in eine mögliche „Ich-Du-Beziehung“
und eine „Ich-Es-Beziehung“
(Buber 2008)
.
Buber unterscheidet in seiner Unterteilung zum einen
den Kontakt zu Menschen in eine Begegnung auf Au-
genhöhe, bei der man dem anderen mit der eigenen
Person voll und ganz begegnet (Ich-Du-Beziehung) und
eine Form der funktionalen Beziehung, bei der eine
Person der anderen überlegen ist und diese nicht als
ebenbürtige Person anerkennt und nicht mit ganzem
Wesen handelt (Ich-Es-Beziehung). Um Menschen zu
begegnen, braucht es nach Buber und in der Folge auch
nach Kitwood eine Ich-Du-Beziehung.
Carl Rogers beschrieb mit Akzeptanz, Kongruenz und
Empathie seine psychotherapeutische Grundhaltung
gegenüber Klienten. Diese nutzte Tom Kitwood und
übertrug sie auf die Pflege von Menschen mit einer
Demenzerkrankung. Übrigens: Auch Naomi Feil (1999)
richtet sich bei ihrem Validationsansatz nach Rogers.
Professionalität bedeutet ge-
rade das Einlassen auf Bezie-
hungen, auf die damit ver-
bundenen Gefühle und das
Zulassen eigener Gefühle in
einem geschützten Raum.
Um Menschen
wirklich auf
Augenhöhe
begegnen zu
können, braucht
es eine
akzeptierende
Ich-Du-
Beziehung.
Der Hit unter den geflügelten Worten
in der Pflege:
professionelle Distanz.