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demenz
DAS MAGAZIN
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16 · 2013
praxis
Interview
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Peter Wißmann
Ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer an
einem regengrauen Dezembertag in Duisburg.
Ich habe mich hier mit Rainer Eigenbrod und
seiner Ehefrau Maria Guadalupe Alba de Ei-
genbrod zum Gespräch verabredet.
demenz:
Herr Eigenbrod, wenn ich mich hier
im Zimmer umschaue, dann habe ich den Ein-
druck, Sie müssen schon eine ganze Menge
von der Welt gesehen haben.
Rainer Eigenbrod:
Ja, ich bin Ingenieur
und habe den Bau von Stadtbahnsystemen
zunächst betreut und später geleitet. Ich habe
mit meiner Familie dann unter anderem in
den USA, in Mexiko, in Venezuela und sogar
in China gelebt. Seit einigen Jahren bin ich
pensioniert.
Maria Guadalupe:
Seit neun Jahren leben
wir jetzt hier in Duisburg. Wir haben zwei
Söhne, der 18-Jährige wohnt noch bei uns.
demenz:
Den Kontakt zwischen uns hat Frau
Hartmann-Preis von der Selbsthilfegruppe De-
menti vermittelt, an der Sie teilnehmen. Sie le-
ben mit einer Demenz. Wie hat das begonnen?
Rainer Eigenbrod:
Das ging vor sechs oder
sieben Jahren los. Ich bin beispielsweise in
den Keller gegangen und habe mich nicht
mehr erinnert, was ich dort wollte. Und das
passierte dann auch in anderen Situationen.
Das sind Sachen, die sind dann gelöscht, die
sind weg. Es gab Phasen, in denen ich wirk-
lich verzweifelt war, weil ich mich nur ganz
schwierig orientieren konnte und nicht mehr
klarkam. Ich war da auch depressiv. Heute
geht es besser. Ich bekomme Tabletten, die
scheinen mir zu helfen, sodass ich mich un-
ter anderem besser artikulieren kann. Aber
meine Lebenserwartung ist ja nur vier oder
fünf Jahre.
demenz:
Sagt wer? Und warum?
Maria Guadalupe:
Das hast du im Internet
gelesen, dass das so bei Demenz ist.
Rainer Eigenbrod:
Ja, das hat man mir
aber auch an anderer Stelle gesagt. Ist das
nicht richtig?
demenz:
Ich kenne Sie nicht, aber ich weiß,
dass diese pauschalen Aussagen zu einer be-
stimmten Lebenserwartung, die man mit einer
Demenz angeblich hat, völlig unverantwortlich
sind. Zum einen stirbt man nicht an einer De-
menz. Zum anderen kann ich Ihnen bei Bedarf
gerne Kontakte zu jeder Menge Menschen ver-
mitteln, die mit ihrer Demenzdiagnose viele,
viele Jahre leben.
Rainer Eigenbrod:
Das ist jetzt sehr positiv
für mich, dass Sie das sagen. Aber ich frage
mich, warum man dann solche Dinge platziert.
demenz:
Wie geht man denn mit einer Infor-
mation, dass man nur eine Lebenserwartung
von vier oder fünf Jahren haben soll, gefühls-
mäßig um?
Rainer Eigenbrod:
Also, ich ging durch
ein ganz tiefes Tal. Das sind Dinge, die quälen
einen. Können Sie mir auch einmal ein paar
Informationen zu solchen Fragen zusenden?
demenz:
Gerne. Und ich würde mich gerne mit
Ihnen in, sagen wir: fünf Jahren, hier wieder
verabreden.
Rainer Eigenbrod:
Das machen wir.
demenz:
Wie kommen Sie denn mit Situationen
klar, in den Keller zu gehen und nicht mehr
zu wissen, warum?
Rainer Eigenbrod:
Da mache ich einen
Lernprozess durch. Ich bin jemand, der sich
selber immer sein Leben lang unter Druck
gesetzt hat. Ich wollte immer das, was ich
mir als Ziel gesetzt habe, auch erreichen. Das
wollen ja fast alle Menschen. Ich war immer
bestrebt, das, was ich nicht regeln konnte,
doch zu regeln, das, was ich nicht verstanden
hatte, noch mal nachzulesen und (…). Jetzt
habe ich den Faden verloren.
demenz:
Ich hatte gefragt: Wie kommen Sie
mit diesen Einschränkungen klar.
Rainer Eigenbrod:
Ich wollte eigentlich
immer ein bestimmtes Ziel erreichen oder
zumindest eine gute Arbeit abgeben.
demenz:
Und was ist jetzt das Ziel?
Rainer Eigenbrod:
Das Ziel jetzt? Im Mo-
ment bin ich relativ ziellos. Ich habe mich ge-
löst von meinem Segelsport und war früher
sehr oft als Skipper unterwegs. Es hat mir
einen Riesenspaß gemacht, mit ein paar netten
Leuten unterwegs zu sein.
Das war mal mein Hobby, und ich wollte
immer mal ein Schiff kaufen, also ein größeres.
Das habe ich dann zum Glück nicht getan, ich
könnte das ja gar nicht mehr nutzen. Ein toller
Sport und ich erinnere mich gerne. Aber das
kann ich nicht mehr. Und das tut weh. Obwohl,
dass es wehtut, habe ich jetzt irgendwie auch
schon hinter mir.
demenz:
Und was tun Sie heute dann?
Rainer Eigenbrod:
Lesen, alles Mögliche.
Auch Kochbücher, weil ich hier der Koch bin.
Seine Lebenserwartung betrage laut Internet-Information
noch maximal fünf Jahre, sagt Herr Eigenbrod.
Fachleute meinen: Solche pauschalen Aussagen über die
Lebenserwartung bei Demenz sind völlig unverantwortlich!
„Wichtig sind mir
die richtigen Hinweise“