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demenz
DAS MAGAZIN
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16 · 2013
demenz:
Sie kochen?
Rainer Eigenbrod:
Ja, nach wie vor. Aber
nicht das Mexikanische. Meine Frau kennt
die schärferen Sachen viel, viel besser als ich.
Aber in der Regel schmeckt‘s. Ja, und dann
laufe ich noch ein bisschen, um fit zu bleiben.
Und geschwommen bin ich gerne.
demenz:
Machen Sie das noch?
Rainer Eigenbrod:
Selten. Aber ich muss
das wieder machen. Das ist wichtig, trotz der
Frustration, die ich natürlich manchmal erlebe.
demenz:
Wie ist das für Sie, Frau Guadalupe?
Maria Guadalupe:
Nicht einfach. Am An-
fang habe ich manchen Fehler gemacht. Zum
Beispiel ein Gespräch abgebrochen, weil ich
dachte, er würde mir nicht richtig zuhören.
Oder oft geäußert: „Aber das habe ich dir doch
schon gesagt!“ Mein Mann war immer ein
Typ, der sehr selbstständig war, und wenn
heute etwas nicht klappt, dann ist er oft frus-
triert und wütend auf sich selbst. Dann sagt
er: Warum sagst du mir, was ich tun soll, ich
weiß es doch selbst.
Rainer Eigenbrod:
Ich bin manchmal wirk-
lich frustriert. Und diese Frustration auszule-
ben und sich dann wieder aufzubauen, das ist
nicht einfach.
Maria Guadalupe:
Manchmal lässt du dei-
nen Frust dann an mir aus.
Rainer Eigenbrod:
Gut, ich gestehe ein,
dass ich manchmal ungerecht bin, weil ich
selbst auch so wütend bin, mit mir nicht zufrie-
den bin, aber das ist doch nicht tagtäglicher
Bestandteil unserer Ehe, oder?
Maria Guadalupe:
Nein.
demenz:
Was hat sich denn für Sie ganz prak-
tisch durch die Demenz verändert?
Maria Guadalupe:
Früher hat Rainer alles
gemacht, die Bank, die Steuersachen und so
weiter. Und ich habe mich nie gekümmert.
Jetzt muss ich das alles machen.
Rainer Eigenbrod:
Ich hab zu solchen Din-
gen keinen Bezug mehr.
Maria Guadalupe:
Und jetzt haben wir die-
sen Kalender, da schreibe ich alle wichtigen
Dinge hinein und er schaut rein. Klappt aber
auch nicht immer.
Heute früh hat er zum Beispiel Frühstück
für mich gemacht, obwohl ich gar nicht zur
Arbeit musste.
Rainer Eigenbrod:
Jetzt wird man für seine
Höflichkeit auch noch in die Pfanne gehauen!
Maria Guadalupe:
(lacht)
Nein, nein!
demenz:
Das sind also Umstellungen, die sie
beide hinbekommen müssen.
Rainer Eigenbrod:
Ja, das ist nicht nur
eine einseitige Toleranz, das ist eine Form
von Toleranz von jedem von uns beiden. Und:
Das ist ein Lernprozess. Bisher kommen wir
halbwegs klar. Schwieriger ist das schon für
einen Jugendlichen, wie unseren Sohn.
demenz:
Wie kommt der so klar?
Maria Guadalupe:
Er spricht nicht darüber,
ist eher introvertiert. Mein Mann hat mit ihm
darüber auch nicht so viel gesprochen, aber
er weiß es natürlich.
demenz:
Gehen Sie denn eher offensiv mit dem
Ganzen um?
Rainer Eigenbrod:
Menschen, zu denen
wir nicht so intensive Beziehungen haben,
müssen das nicht unbedingt wissen. Einige
Nachbarn hier im Haus wissen es, andere
nicht.
demenz:
Ist es für Sie ein Problem, darüber
zu reden?
Rainer Eigenbrod:
Nein, eigentlich über-
haupt nicht. Mit einer Demenz muss man
leben.
Maria Guadalupe:
Aber wenn wir jetzt zu
meiner Familie nach Mexiko fliegen, da hast
du gesagt, die sollen das nicht wissen. Ich fin-
de das falsch, ich denke, die müssen das auch
wissen und sie werden Verständnis haben.
Rainer Eigenbrod:
Ich soll gesagt haben,
ich will das dort nicht sagen?
Maria Guadalupe:
Ja.
Rainer Eigenbrod:
Aber ich habe schon
mit einigen darüber gesprochen! Und meine
Freunde wissen das auch. Aber jetzt habe ich
noch eine Frage: Wie ist denn so der indi-
viduelle Verlauf bei einer Demenz, nehmen
wir doch die vaskuläre Demenz, wie ich sie
haben soll.
demenz:
Wie Sie es schon sagen: individuell.
Unser Freund James McKillop hat seit über
zwölf Jahren seine Diagnose und stellt noch
ganz viel auf die Beine.
Rainer Eigenbrod:
Wie hat er das ge-
schafft?
demenz:
Alle, die ich kenne, die so lange fit und
aktiv sind, haben es geschafft, die Diagnose
für sich anzunehmen und sich nicht hängen
zu lassen.
Rainer Eigenbrod:
Das ist ein Lernprozess,
in dem ich noch drin bin. Deshalb ja ganz
wichtig, solche Hinweise zu bekommen wie
jetzt. Diese angeblich fünf Jahre Lebenserwar-
tung, die waren bisher für mich wie ein Beil,
das über meinem Kopf schwebt. Dass ich da
auch durch eigenes Agieren Einfluss nehmen
kann, das ist ja unheimlich wichtig.
demenz:
Sie besuchen doch die Selbsthil-
fegruppe Dementi. So eine Gruppe ist ganz
wertvoll, wenn es darum geht, Kraft zu tanken
und dranzubleiben.
Maria Guadalupe:
Vielleicht könnte man
da auch etwas mit schwimmen oder laufen
machen.
demenz:
Herzlichen Dank für dieses offene
Gespräch.
Rainer Eigenbrod:
Ich bin manchmal wirklich frustriert.
Und diese Frustration auszuleben und sich dann wieder
aufzubauen, das ist nicht einfach.
Peter Wißmann
ist Geschäftsführer der Demenz Sup-
port Stuttgart gGmbH, stellvertretender Vorsitzender
der Aktion Demenz e. V. und geschäftsführender Her-
ausgeber von
demenz
.
Rainer Eigenbrod:
„Dass ich da auch durch eigenes Agieren
Einfluss nehmen kann, das ist ja unheimlich wichtig.“