19
demenz
DAS MAGAZIN
|
17 · 2013
praxis
Augen zur Person, die sie ansprach, und erst jetzt schien
sie zu bemerken, dass jemand da war. Wurde dann die
Frage „Darf ich Sie zum Waschen begleiten?“ relativ
zügig gestellt, wirkte sie verstört, drehte die Augen
weg und verspannte sich ebenfalls. Um dieser Reaktion
vorzubeugen, wurde Frau Müller mehr Zeit eingeräumt,
um aus ihrer inneren Welt in unserer anzukommen.
Die Pflegeperson setzte sich dafür auf die Bettkante,
streichelte Frau Müllers Hand zart und wartete, bis es
Augenkontakt gab. Frau Müller wurde dann begrüßt
und informiert, wo sie ist. Weil sie auf ein direktes An-
sprechen, ob die Körperpflege durchgeführt werden
kann, oft ablehnend reagierte, wurde sie stattdessen in
einer ruhigen Art gefragt, ob es ihr gut gehe, ob sie gut
geschlafen habe und ob sie Lust habe auf ein Frühstück,
mit Kaffee und einem Brötchen mit Marmelade. Von
der Tochter wussten die Pflegenden, dass sie dies zum
Frühstück immer gern gegessen hatte. Bei diesen Fragen
blieb der Augenkontakt bestehen und Frau Müller fing
oft an zu lächeln. Nach einer Weile kam dann häufig
ein klares „Ja!“, manchmal war es auch nur ein Nicken.
Wurde sie dann gefragt, ob sie gerne aufstehen mochte,
bestätigte sie dies und kooperierte bei der Pflege. An
manchen Tagen kam auch ein „Nein!“. Das wurde dann
von den Pflegenden respektiert.
Bekam Frau Müller die Zeit, die Fragen und Anlie-
gen der Pflegepersonen verstehen zu können, über sie
nachzudenken und so, wie sie es früher gewöhnt war,
selbst zu entscheiden und zu antworten, dann war sie
auch bereit und in der Lage, kooperativ mitzumachen.
Praxisbeispiel 2
„Bernd Fischer droht verbal und macht
schlagende Bewegungen“
Herr Fischer, 84 Jahre alt, kräftig gebaut, 1,88 m groß,
war viele Jahre Geschäftsführer einer großen Firma. Er
setzte sich in der Anfangszeit nach seinem Einzug ins
Altenpflegeheim fast täglich zur Wehr, wenn Betreuende
bei ihm Intimpflege durchführen wollten. Obgleich alle
drei Stunden ein Toilettengang durchgeführt wurde, war
er häufig urin- und zeitweise auch stuhlinkontinent. Er
akzeptierte die Anwendung von Inkontinenzmaterial und
den Wechsel davon. Sobald jedoch jemand ansetzte, sei-
ne Haut im Intimbereich zu berühren, wurde er schlagar-
tig „böse“ und erregt. Er schimpfte laut, spuckte, ballte
seine Fäuste und machte drohende Armbewegungen.
Eine Intimpflege war dann nicht mehr möglich.
Seine Tochter erzählte, dass er im 2. Weltkrieg in
russischer Kriegsgefangenschaft war. Über seine Er-
lebnisse während dieser Zeit hat er kaum geredet, nur
mal angedeutet, dass die Narben auf seinem Rücken
durch Folter entstanden waren. Ob er auch im Intim-
bereich gefoltert wurde, war unbekannt. Aber falls das
passiert sein sollte, könnte das seine Abwehrreaktion
erklären. Darüber mit ihm zu reden, war allein aufgrund
der Demenzerkrankung nicht mehr möglich.
Nach Rücksprache mit der Tochter und dem behan-
delnden Neurologen wurde entschieden, diese Konflikt-
situation auf ein Minimum zu beschränken. Es stellte
sich heraus, dass Herr Fischer gerne in der Badewanne
badete. Danach trocknete er den Intimbereich noch
selbst mit dem Handtuch ab. Im Einverständnis mit
der Tochter wurde abgesprochen, dass er dreimal pro
Woche ein Wannenbad angeboten bekam. Eine weitere
Intimpflege wurde nur noch bei starker Stuhlinkontinenz
vorgenommen. Hierüber konnten die Konfliktsituatio-
nen, in denen sich Herr Fischer zur Wehr setzte, stark
reduziert werden.
Praxisbeispiel 3
„Gerhard Meyer lässt die Betreuende nicht
los“
Herr Meyer, 80 Jahre alt, ehemaliger Tischler, hielt es
nicht gut aus, alleine zu sein. Er suchte sehr oft die Nähe
und den Kontakt zu Betreuenden und folgte ihnen überall
hin. Vormittags, wenn die Betreuenden nacheinander
mehrere Bewohner in ihren eigenen Zimmern pflegen
mussten, entstand dadurch oft eine Konfliktsituation.
Baten die Betreuenden Herrn Meyer freundlich, nicht
mit ins andere Bewohnerzimmer zu gehen, sondern
draußen vor der Tür zu bleiben, kam er meistens nach
kurzer Zeit hinterher.
Schlossen daraufhin die Pflegenden die Zimmertür
ab, damit die Intimsphäre des im Zimmer Gepflegten
bewahrt wurde, schimpfte Herr Meyer immer lauter,
trat und haute gegen die Tür. Dabei wurde er immer
erregter. Es war kaum möglich, ihn zu beruhigen, da
er vollkommen auf die verschlossene Tür fixiert war. Er
wollte mit aller Gewalt zu den Pflegenden im Zimmer.
Wahrscheinlich war es seine Angst, alleine zu sein, die
ihn dazu bewegte, sich so massiv gegen die unerwünsch-
te Trennung von den Pflegenden zur Wehr zu setzen.
Dieser Konfliktsituation konnte vorgebeugt werden.
Statt ihn alleine im Flur stehen zu lassen, wurde er
gezielt in die Obhut einer anderen betreuenden Person
gegeben. Zum Beispiel einer Präsenzkraft im Wohnzim-
mer. Da die Präsenzkraft nicht für Pflegehandlungen in
die Bewohnerzimmer geht, sondern im Wohnumfeld
verbleibt, war Herr Meyer viel seltener Trennungssitu-
ationen ausgesetzt.
„Verstehen hilft“
In den geschilderten Beispielen versuchten Betreuen-
de zu verstehen, warum sich die Bewohner zur Wehr
setzten. Über das Verstehen dessen, was die Konfliktsi-
tuation auslöst, konnten individuelle Betreuungsformen
gefunden werden, bei denen sowohl den Fähigkeiten
und Bedürfnissen der Bewohner Rechnung getragen
wurde, als auch die pflegerisch notwendige Hilfe und
Unterstützung geleistet werden konnte. Durch ein kon-
sequentes Betrachten konflikthafter Situationen konnte
erreicht werden, dass es viel weniger Situationen gab,
in denen sich Bewohner zur Wehr setzten. Dies auch
zum Wohle der betreuenden Personen.
*Alle Namen von der Redaktion geändert
Waren die Erfah
rungen während
der Kriegsgefan
genschaft Grund
der Abwehr gegen
die Intimpflege?
Jedenfalls wurde
vereinbart, sie auf
das Notwendigste
zu beschränken
und Herrn Fischer
öfter ein Wannen
bad anzubieten.
Johannes van Dijk
ist Fachre-
ferent für Dementia Care Map-
ping (DCM) und Gerontopsy-
chiatrie bei der Frank Wagner
Holding GmbH in Hamburg.
E-Mail: johannes.vandijk@fw-
holding.de