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demenz
DAS MAGAZIN
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17 · 2013
Hintergrund
Mensch bei seinem Arzt über nachlassende Gedächtnis-
leistungen berichtet, hat dann beste Chancen, mit einer
Diagnose – minor neurocognitive disorder – und vermut-
lich auch mit einem Medikament entlassen zu werden.
Die Zahl der Kranken und Verrückten in der Gesellschaft
wächst so kontinuierlich – und für die Pharmabranche
ergeben sich grandiose Wachstumsperspektiven. „Die
pharmazeutische Industrie hat begriffen: Die beste Art
und Weise, den Pillenverbrauch zu erhöhen, ist, uns
davon zu überzeugen, dass immer mehr Leute ein men-
tales Problem haben“, sagt Allen Frances.
(DER SPIEGEL,
4/2013, S. 113)
Bedarf es da noch des Hinweises, dass
cirka 70 Prozent der am DSM-Handbuch mitarbeitenden
Autoren als Berater von Pharmafirmen tätig sind und
dort Honorare erhalten?
Die Einführung eines Demenz-Risiko-Syndroms (ge-
meint ist die zitierte leichte neurokognitive Störung)
wurde übrigens mit der Möglichkeit einer frühzeitigen
therapeutische Intervention gerechtfertigt – von der
man aber gleichzeitig zugeben musste, dass es sie gar
nicht gibt. Logik sieht anders aus!
Im Visier der Pharmaindustrie
Ebenso wie bei der Demenz hat man übrigens auch
bei den Psychosen eine Vorstufe eingeführt. Doch zu
welchem Preis, fragt die Berliner Tageszeitung „taz.
die tageszeitung“ (http://www.taz.de/!70621/). Selbst
unter Hochrisikopatienten würde wahrscheinlich nur
ein Bruchteil tatsächlich einmal eine Psychose entwi-
ckeln. Und Allen Frances schätzt, dass auf jeden richtig
diagnostizierten Patienten zwischen drei und neun Men-
schen kämen, die fälschlicherweise zu Kranken gemacht
würden. Können wir das ernsthaft wollen?
Können wir uns wünschen, dass immer mehr Men-
schen zu Patienten und Kranken gemacht werden und
alles, was auch nur ein wenig nach Andersartigkeit
riecht, pathologisiert wird?
Beim DSM entscheidet ein illustrer und durchaus
nicht von Eigeninteressen freier Kreis von knapp über
150 Personen darüber, was zukünftig als normal und was
als (geistes)krank beziehungsweise psychisch krank in
unserer Gesellschaft gelten soll. Mit Blick auf junge Men-
schen sprechen einige Fachleute schon von einer Ver-
wandlung der Kindheit in eine Krankheit. Und während
sich einerseits immer mehr die Erkenntnis durchsetzt,
dass ebenso wie andere körperliche Alterungsprozes-
se auch Gehirnalterung zum Leben dazugehört, gibt
es auch die starke Tendenz, insbesondere diesen Teil
Widerstand leisten gegen die Pathologisierung
unseres Lebens. Einige praktische Tipps!
Räumen Sie mit dem Glauben an die „göttliche Wissenschaft“ Medizin und
die „Götter in Weiß“ auf. Seien Sie nicht nur „mündiger Bürger“, sondern
auch kritisch-mündiger Nutzer medizinischer Dienstleistungen. Hinterfragen
Sie und widersprechen Sie, wenn es nötig ist.
Glauben Sie nicht länger, dass Krankheiten objektive und allzeit gültige Wahr-
heiten darstellen. Was als normal und was als krank gelten soll, das wird, geleitet
von Interessenslagen, immer wieder neu definiert oder auch wieder verworfen.
Wussten Sie, dass bis 1992 Homosexualität als ICD-gelistete Krankheit galt?
Verlassen Sie sich nicht allein auf das Urteil von Medizinern oder anderen
scheinbaren Experten. Informieren Sie sich selbst.
Widersetzen Sie sich scheinbar fachlichem Rat, wenn dieser bedenklich er-
scheint. Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Kind, nur weil es anders ist, vorschnell
zum Kranken erklärt und unter Medikamente gesetzt wird. Dulden Sie nicht,
dass Ihre hochbetagte Mutter, nur weil der Gehirnalterungsprozess sich be-
merkbar macht, zum vermeintlichen Opfer einer heimtückischen Krankheit
gemacht und dem Schreckgespenst Alzheimer ausgeliefert wird.
Hinterfragen Sie vorschnelle medikamentöse Lösungsversuche, egal für welches
Problem. Lösen die Medikamente tatsächlich das Problem oder ist es einfach
nur eine bequeme und für den einen oder anderen auch lukrative Maßnahme?
Stellen Sie stets die Frage: Cui bono? Zu Deutsch: Wem nützt es? Und wer
hat eigentlich welche Interessen? Schauen Sie sich bei Vorträgen, Veröffent-
lichungen und Äußerungen sogenannter Experten immer auch an, für wen
diese in welcher Form auch immer tätig sind, Honorare empfangen und wem
sie verpflichtet sind.
Lösen Sie sich von der Vorstellung, dass es im Gesundheitswesen vor allem
um altruistische (uneigennützige) und philantropische (menschenfreundliche)
Interessen geht. Das Gesundheitswesen ist ein Markt, auf dem die gleichen
ökonomischen Prinzipien und Interessen herrschen wie bei der Produktion
von Damenstrumpfhosen oder Landminen.
Lesen Sie die existierende Literatur, die einen kritischen Blick auf die The-
menfelder Gesundheitssystem, medizinisch-pharmakologischer Komplex,
Krankheiten und gemachte Krankheiten wirft.
Suchen Sie den Kontakt und den Austausch mit anderen Betroffenen, Dienst-
leistungsnutzern, kritischen Zeitgenossen – über Gruppen, Veranstaltungen,
Webforen und Ähnliches. Seien Sie nicht länger Patient („Jemand, der Leiden
trägt“), sondern aktiver (Mit)gestalter Ihrer und der körperlichen und seeli-
schen Gesundheit anderer Menschen.
Vergessen Sie bei aller kritischen und mündigen Einstellung nicht, auch bei
den Medizinern und anderen beruflichen Experten Verbündete zu suchen!
Denn es gibt sie – man muss sie nur suchen beziehungsweise finden.
Und: Klären Sie auch für sich die Frage: Warum soll „anders sein“ immer
gleich „krank sein“ bedeuten? Wie viel Andersartigkeit sind auch Sie bereit
zu tolerieren?
Etwa 70 Prozent der am
DSM-Handbuch mitarbeiten-
den Autoren sind als Berater
von Pharmafirmen tätig und
erhalten dort Honorare. Die
Erfindung von Diagnosen ist
eben auch ein gutes Geschäft.