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demenz
DAS MAGAZIN
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17 · 2013
Eine Veranstaltung in Berlin. Soeben sind zwei hoch-
karätige Vorträge zu Ende gegangen. Das Thema: Pal-
liativkultur in der Pflege umsetzen. Nun besteht für die
rund 200 Anwesenden, fast alle Vertreter aus Pflege- und
Betreuungsberufen, die Gelegenheit für Nachfragen und
Diskussion. Die erste Hand geht hoch. „Also bei uns im
Heim, da komme ich ja nicht mal dazu […].“ Eine zweite
Person erhält das Wort: „Unsere Bewohner, mit denen
kann man nicht […].“ So geht es weiter, Wortmeldung
um Wortmeldung. Auf die Anregungen aus den bei-
den Vorträgen geht niemand ein. Stattdessen steigert
sich der Saal langsam, aber sicher in eine kollektive
Jammerdepression. Ich spüre Wut in mir aufsteigen.
Wut, weil ich diesen Mechanismus immer wieder und
wieder erlebe. Und weil es immer beim folgenlosen
Jammern bleibt. Wo bleibt der Widerstand gegen die
beklagten Zustände?
Vor lauter Arbeit keine Kraft mehr
zum Protestieren
Man kann das Erlebte durchaus verschieden betrachten.
Natürlich ist es Ausdruck der katastrophalen Lage im
Pflegebereich und spiegelt die Verzweiflung der dort
Tätigen wieder. Das sei ohne Umschweife anerkannt.
Aber wem bitte soll es nützen, wenn immer nur gejam-
mert und geklagt, jeder konstruktive Diskussionsversuch
sofort mit Killerphrasen abgetötet wird? Denen, die da
jammern, doch am wenigsten!
Oder übertreibe ich etwa? Ist der Pflegebereich gar
nicht das Jammertal, als das ich es zu erleben meine?
Doch, doch, meint Angelika Zegelin. Die engagierte
Pflegewissenschaftlerin leidet selbst auch darunter.
Aber sie wird dennoch nicht müde, dagegen anzureden
und zu versuchen, es zu ändern. Zegelin sieht mehrere
Ursachen für die Jammerkultur beziehungsweise für den
fehlenden Widerstand in der Pflege: „Die Pflegenden
wollen ihre Bewohner und Patienten schützen. Die ha-
ben Angst, dass wenn sie sich beschweren und Theater
machen, dann alles liegen bleibt und die Pflegebedürf-
tigen auf der Strecke bleiben“. Gut in Erinnerung ist ihr
ein junger Altenpfleger, den sie einmal öffentlich gefragt
hatte: Was ist denn, wenn Sie einmal einen Morgen nicht
zum Dienst gehen? Richtig nach Luft gerungen hätte er
da und gesagt: Das geht nicht. Dann gäbe es Tote. All
die menschlichen Bedürfnisse, die da warten würden,
die könne man nicht einfach aufschieben. „Dann war
zuerst Stille im Saal und dann sind alle aufgesprungen,
auch die Politiker, und haben applaudiert. Denen war
das alles so gar nicht klar“. Der Wissenschaftlerin ist
die Ambivalenz dieser Situation durchaus bewusst. Wer
immer nur die Patienten zu schützen müssen glaubt,
ist im Prinzip durchweg und auf Dauer erpressbar. Wie
soll sich da etwas ändern?
Auch Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des
Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK),
stellt sich diese Frage. Allerdings möchte er nicht von
Jammern sprechen, sondern eher davon, dass Pflegen-
de zu duldsam seien. „Pflegende sind in so einer Art
‚Komplizenschaft‘ mit den Patienten und Bewohnern“,
meint er. „Sie sind so sozialisiert, immer für diejenigen
einzuspringen, die nicht mehr selbst für sich sorgen
können. Und dann haben sie am Ende vor lauter Über-
arbeitung keine Kraft mehr zum Protestieren.“ Nicht auf
alle, aber eben doch auf die Mehrheit trifft das seines
Erachtens zu.
Nicht immer perfekt sein wollen!
Angelika Zegelin sieht zwei weitere Gründe für das feh-
lende Widerstandspotenzial. „Ein Teil der Pflegenden,
ohne Ausbildung, ist doch selbst unterprivilegiert. Oft
haben sie einen schlechten Bildungsstand und arbeiten
in prekären Arbeitsverhältnissen. Da gibt es auch viele
Migranten und alleinerziehende Frauen, nicht wenige
verdienen so wenig, dass sie bis zu drei Jobs haben.“ Das
bleibt nicht ohne Folgen. „Da ist also eine ganz große
Gruppe von Menschen, die sind froh, dass sie überhaupt
zu diesen schlechten Bedingungen arbeiten können.
Da kann man nicht ernsthaft erwarten, dass die sich
aktiv engagieren.“ Und schließlich: „Die meisten sind
völlig unpolitisch. Die ganze Sozialisation in dem Feld
fördert nun einmal eher Anpassung und führt zu einem
unterentwickelten professionellen Selbstverständnis.“
Die Pflegewissenschaftlerin Tanja Segmüller ist gerade
dabei, in ihrer Doktorarbeit dem politischen Bewusstsein
der Pflegenden nachzuspüren. Als sie aktive Politiker
mit pflegeberuflichem Hintergrund interviewte, musste
sie ernüchternde Erfahrungen machen. Kaum einer
der Politiker wollte noch etwas mit seinem alten Beruf
zu tun haben.
Franz Wagner schätzt die Situation ähnlich ein wie
die beiden Pflegewissenschaftlerinnen. „Vom Denken
her stecken wir zum Teil noch im 19. Jahrhundert und
nicht bei den Wurzeln der Profession.“ Die Pflege ist
seiner Meinung nach leider noch nicht so weit wie die
Ärzte, die es geschafft hätten, sich besser von der Rolle
der völlig aufopfernden Helfer zu emanzipieren. „Das hat
„Pflegende sollten
lernen, sich nicht nur
als Vertreter der Alten
und Pflegebedürftigen,
sondern auch als Ver-
treter in eigener Sache
zu verstehen.“
Statt immer wieder über Missstände zu jammern, sollte eher aktiv
etwas dagegen unternommen werden. Doch derzeit gibt es hier nur schwache
Hoffnungsschimmer. Woran liegt es und was ist zu tun?
Raus aus dem
Jammertal
Peter Wißmann