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demenz
DAS MAGAZIN
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17 · 2013
Hintergrund
auch etwas damit zu tun, dass die Pflege überwiegend
ein Frauenberuf ist, in dem traditionelle Rollenbilder
wirken.“ Alles zusammen führt seiner Einschätzung
nach eben zu der in ihrer Konsequenz fatalen Haltung,
dass man alles für die Patienten und Bewohner geben
müsse – ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse.
Permanent ein Bündel mit Schuldgefühlen
„Genau“, meint auch Erich Schützendorf. Der Leiter des
Fachbereichs Älterwerden an einer Volkshochschule,
Buchautor und Querdenker in der Altenhilfe, attestiert
den Pflegenden, permanent ein Bündel an Schuldgefüh-
len mit sich herumzutragen. „Das ist das Gefühl, es nie
recht zu machen, nie alles geben zu können, was doch
scheinbar zum Wohlbefinden der Pflegebedürftigen nö-
tig sein soll.“ Seine Forderung: „Pflegende müssen eine
realistische Haltung zur Pflege entwickeln. Die Tätigkeit
wird von ihnen ständig idealistisch überhöht. Realisti-
sche Einschätzung heißt hingegen: Der Pflegebedürftige
kann nicht erwarten, dass alles für ihn vom Pflegenden
getan wird. Einfach, weil das nicht geht!“ Statt sich ge-
gen Überforderung und schlechte Arbeitsbedingungen
zur Wehr zu setzen, würden Pflegende eher individuelle
Vermeidungsstrategien wählen: Auszeiten, zum Beispiel
durch Krankmeldungen. „Aber das ständig schlechte
Gewissen, das bekommt man so leider nicht weg“, gibt
Schützendorf zu bedenken. Andere Berufe, beispielswei-
se die Sozialarbeit, seien da im Vorteil. „Die verfügen
über eine viel bessere Selbsterfahrungskompetenz und
haben gelernt, sich auch abzugrenzen. Das gilt für die
individuelle Ebene. In der Öffentlichkeit und auf der
politischen Ebene treten sie aber auch nicht gerade
durch aktiven Widerstand in Erscheinung.“
Das streitet auch Sibylle Kraus nicht ab, die sich im
Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH)
engagiert. Dabei hält sie ihre Profession aufgrund der
generalistischen Ausbildung eigentlich für prädesti-
niert, über den Tellerrand hinauszuschauen und sich
für Veränderungen zu engagieren. „Aber die meisten
Menschen haben offensichtlich Angst, Veränderung zu
denken und anzugehen“, meint sie. „Und Sozialarbeiter
definieren sich leider oft zu sehr über ihr konkretes
Arbeitsfeld und finden deshalb (noch?) zu wenig zu
übergreifendem strategischen Handeln.“
Die Analyse der vier befragten Fachleute gibt nicht
gerade Anlass zu übertriebener Hoffnung auf positive
Veränderung. Doch es bleibt natürlich die Frage, wie
man dem Jammertal entrinnen und zu Handelnden statt
Peter Wißmann
ist Geschäftsfüh-
rer der Demenz Support Stuttgart
gGmbH, stellvertretender Vorsit-
zender der Aktion Demenz e. V.
und geschäftsführender Heraus-
geber von
demenz
.
zu Erleidenden werden kann. Eigentlich müsste doch
der Umstand, dass überall Pflegenotstand herrscht und
Pflegekräfte gesucht werden, eine günstige Basis für
Veränderung und mutiges Aufbegehren der beruflich
Tätigen sein. Auch Franz Wagner hofft, dass der Pfle-
gemangel eine Art Waffe beim Engagement für bessere
Bedingungen in der Pflege werden beziehungsweise als
solche von den Pflegenden erkannt werden kann. „Ist
aber nichts von zu spüren“, meint Erich Schützendorf.
Für ihn geht kein Weg daran vorbei, dass Pflegende
lernen müssen, sich nicht nur als Vertreter der Alten
und Pflegebedürftigen, sondern als Vertreter in eigener
Sache zu verstehen. Auch gegenüber Arbeitgebern,
die den Anschein erwecken, dass man ja eigentlich auf
derselben Seite stehe. „Aber die meinen dann immer nur
mehr Geld und mehr Personal, was zwar nicht falsch,
aber längst nicht alles sein kann“, so Schützendorf.
Mit akademischen Pflegekräften
Marsch durch die Institutionen
Angelika Zegelin und Franz Wagner sehen die Ausbil-
dung von Pflegekräften als Ansatzpunkt für Verände-
rungen. Hier würden Pflegende heute immer noch im
„klassischen“, mehr erduldenden als aktiv und selbst-
bewusst auftretenden Sinne sozialisiert. Also müssten
hier zukünftig auch andere Ideale vermittelt werden,
vielleicht im Sinne von Erich Schützendorfs Forderung
nach Entidealisierung und Realitätsfundierung des Pfle-
geberufs. Von der Akademisierung der Pflege haben
sich sowohl die Pflegewissenschaftlerin als auch der
Verbandsvertreter eine stärkere Politisierung der Pflege
erhofft. „Ein bisschen hat die Akademisierung schon
dazu beigetragen, dass es besser wird“, meint Angelika
Zegelin. „Zumindest ist es so, dass jetzt ein paar „hel-
lere“ Leute in den Wohlfahrtsverbänden und Gremien
sitzen.“ Dass sich dadurch bereits viel verändert hätte,
kann Franz Wagner zwar noch nicht entdecken. „Aber
ich glaube, dass wir mit den Hochschulabsolventen
ganz gut auf dem Marsch durch die Institutionen sind.“
Ob das alles reichen wird? Fest steht, dass der Or-
ganisationsgrad von Pflegekräften heute noch beschä-
mend gering ist. Gerade bei 10 Prozent soll er laut Franz
Wagner liegen. Woher also die Hoffnung auf eine aktive,
eine widerständische Haltung von Menschen nehmen,
die andere Menschen pflegen und betreuen? Angelika
Zegelin hat für sich einen kleinen Hoffnungsschimmer
gefunden. „Junge Pflege“ heißt er, eine Arbeitsgruppe
von jungen Pflegenden aus allen drei Pflegeberufen, die
versuchen will, Berufspolitik für junge Berufsausübende
vor Ort interessanter zu machen.
„Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel
fechten’s besser aus.“ Vielleicht zeigt diese Zeile aus
dem alten Kampflied über Florian Geyer ja tatsächlich
eine realistische Perspektive auf!
„Geschlagen ziehen
wir nach Haus, die
Enkel fechten’s besser
aus.“
Eigentlich müsste doch der Umstand, dass überall
Pflegenotstand herrscht und Pflegekräfte gesucht werden,
eine günstige Basis für Veränderung
und mutiges Aufbegehren der
beruflich Tätigen sein.
Mehr Informationen
zum Thema: aktiv werden
für eine bessere Pflege
Tanja Segmüller:
Pflegende als politische
Akteure
,
Akademiker-Verlag.
ISBN 978-3-639-44582-4,
Paperback, 100 Seiten
Deutscher Berufsverband für
Pflegeberufe (DBfK) e. V.,
Bundesverband
– BAG Junge Pflege
Alt-Moabit 91
10559 Berlin
E-Mail: dbfk@dbfk.de
Telefon: +49 (0)30/219 157-0
Deutscher Berufsverband
für Pflegeberufe DBfK (Hrsg.):
Broschüre „Tausche wichtigen
gegen guten Arbeitsplatz“,
kostenloser Download
unter: www.dbfk.de