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demenz
DAS MAGAZIN
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17 · 2013
Kontroverse
Claus Fussek
, Diplom-Sozialarbeiter und Sozialpädagoge bei der
Vereinigung Integrationsförderung e. V. – ambulanter Pflegedienst,
ist Deutschlands prominentester Pflegekritiker. Leider erklärte sich
niemand zum öffentlichen Disput an dieser Stelle mit ihm bereit.
demenz
.DAS MAGAZIN
sprach mit ihm über die Situation im
Pflegebereich und über die Vorwürfe seiner Kritiker
demenz:
Herr Fussek, Sie sind der prominen-
teste Kritiker von Missständen in der Pflege.
Wie sind Sie zu Ihrer Mission gekommen?
Claus Fussek:
Ich bin von Beruf Sozialar-
beiter und habe 1978 mit anderen zusammen
die Vereinigung Integrationsförderung e. V.
gegründet, um Menschen mit Behinderungen
in ihrem Bestreben nach Selbstbestimmung
zu unterstützen. Und in der praktischen Arbeit
habe ich bei Besuchen in Pflegeheimen immer
wieder Dinge gesehen, gehört und auch gero-
chen, die ich in dieser Form nicht für möglich
gehalten hätte.
demenz:
Also ganz nebenbei.
Claus Fussek:
Ja, vielleicht war es Fügung.
Ich habe dann im Laufe der Jahre gelernt, wie
das Pflegesystem funktioniert beziehungs-
weise nicht funktioniert. Was mich bis heute
schockiert, ist, dass alle die Missstände in
diesem Bereich kennen, aber immer so ge-
tan wird, als wüsste man nichts. Ich erinnere
mich noch genau, wie ich 1997 wieder einmal
anonym über die Situation in einigen Kran-
kenhäusern informiert wurde, wo Menschen in
einem pflegerisch sehr fragwürdigen Zustand
eingeliefert wurden.
Als wir das in die Presse gebracht haben,
passierte Folgendes: Auf der einen Seite er-
hielten wir haufenweise aus der gesamten
„Wir dürfen nicht länger
Republik bestätigende Informationen. Und
auf der anderen Seite wurden wir kritisiert: So
etwas dürfe man doch nicht laut sagen! Und
man dürfe doch nicht so pauschalisieren. Das
tun wir aber auch gar nicht.
demenz:
Sondern?
Claus Fussek:
Wenn Zustände kritisiert
werden, dann nie pauschal, sondern dann
haben wir in der Regel die Verantwortlichen
beim Namen genannt. Zwei Drittel meiner In-
formanten sind ja verzweifelte Pflegekräfte, die
in solch einer Einrichtung arbeiten. Da gibt es
alles, ambulant, stationär, aber überwiegend
schon aus dem stationären Bereich.
demenz:
Was wollen diese Informanten von Ih-
nen? Und wie treten Sie mit Ihnen in Kontakt?
Claus Fussek:
Ich sitze hier mittlerweile
auf 50.000 E-Mails, Briefen und Telefonnoti-
zen. Auch heute habe ich wieder drei Briefe
erhalten. Das sind Leute, die wollen erzählen;
das sind verzweifelte Pflegekräfte oder An-
gehörige. Im Grunde sind es sogar anonyme
Selbstanzeigen. Diese Menschen erhoffen sich
von mir Hilfe, weil ich über gute mediale Kon-
takte und Möglichkeiten verfüge. Bei den Drei-
en von heute warte ich jetzt auf einen Rückruf,
dann werde ich mir die Situation schildern
lassen und mit ihnen durchgehen, was sie
eventuell bereits unternommen haben und
überlegen, was man tun könnte. Und wenn es
dann heißt: Das haben wir doch schon alles
durch, dann werde ich auch manchmal ratlos.
Aber ich sage dann auch beispielsweise: Ihr
habt 180 Bewohnerinnen in eurem Heim, da
sind dann auch jede Menge Angehörige oder
Betreuer. Wenn sich davon nur fünf oder sechs
mit engagierten Pflegekräften zusammentun
würden …
demenz:
Was könnten die dann tun?
Claus Fussek:
Sich an die örtliche Heim-
aufsicht wenden. Oder an den Medizinischen
Dienst. Vermutlich gibt es einen Betriebsrat.
Und die Lokalpresse informieren! Aber ganz
oft gibt es das Problem, dass solche kritischen
Leute dann als Nestbeschmutzer von den ei-
genen Kolleginnen diffamiert werden. Und
deshalb trauen sich dann viele eben doch
nicht. Das ist krank!
demenz:
Sie haben vorhin von einer Art Kultur
der Verleugnung und einer Allianz des Schwei-
gens gesprochen.
Claus Fussek:
Ja, man weiß alles, redet
darüber aber nicht. Wie oft bekomme ich
von Leitungsleuten zu hören: „Herr Fussek,
Sie haben ja recht. Aber kann ich mich auch
darauf verlassen, dass das Gespräch unter
Interview
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Peter Wißmann
Kritische Leute in den Einrichtungen werden oft
als Nestbeschmutzer von den eigenen Kolleginnen
diffamiert. Und deshalb trauen sich dann viele eben
doch nicht. Das ist krank!