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demenz
DAS MAGAZIN
|
17 · 2013
Hintergrund
wegschauen
.“
ko t overse
uns bleibt?“ Oder: „Ich könnte Ihnen Dinge
erzählen, die glauben Sie nicht, aber das kann
ich mir nicht erlauben.“ Und dann diese ge-
genseitigen Schuldzuweisungen! Wenn ich auf
Veranstaltungen bin, wo überwiegend Leute
aus der stationären Pflege sitzen, dann kommt
sofort: Sie müssen mal auf die Krankenhäuser
schauen, da ist es doch viel schlimmer!
Und im Krankenhaus sagt man mir: Und
wie ist das in den Heimen? Und beide zu-
sammen sind sich dann schnell einig. Und
dann haben wir noch die Probleme in der
häuslichen Pflege. Mit so einer gegenseitigen
Schuldzuweisungsstrategie kommen wir aber
nicht weiter!
demenz:
Was könnte ein Weg zur Verbesse-
rung der Situation sein?
Claus Fussek:
Die Verlagerung von Verant-
wortung in die Kommune. Wir müssen vor Ort
eigenverantwortlich tätig werden. Kleinräu-
mig werden. Wenn alle Angehörigen, Kinder,
Gemeindemitglieder und so weiter sich vor
Ort um ihre wehrlosen, pflegebedürftigen,
sterbenden Menschen kümmern würden,
dann könnte es solche Missstände in diesem
Ausmaß nicht geben. Kommunalisierung allein
nützt noch nichts, die Bürger müssen dann
auch in die Einrichtungen reingehen und sich
kümmern.
demenz:
Sie selbst gehen immer noch direkt
in Heime und andere Einrichtungen?
Claus Fussek:
Ich war gerade am Samstag
in einem Pflegeheim, habe dort eine blinde
90-jährige Frau besucht. Auf der Station war
eine Schwester für 27 Bewohner. Ich habe der
alten Frau zu trinken gegeben, die hat getrun-
ken „wie ein Pferd“. Diese Frau möchte doch
eigentlich nur trinken, wenn sie Durst hat, bei
schönem Wetter an die frische Luft, essen und
trinken in dem Tempo, in dem sie kauen und
schlucken kann. Und zur Toilette müsste sie
auch. Aber das bekommt sie nicht so, wie sie
es braucht. Ich habe mir den Flyer des Heims
mitgenommen und wieder mal festgestellt: Da
stimmt keine einzige Zeile. Ein Reiseveran-
stalter würde sofort wegen Prospektbetrugs
angeklagt werden.
demenz:
Mangelnde Personalausstattung ist
aber doch wirklich ein Problem, oder?
Claus Fussek:
Natürlich. Davon handeln
ja auch viele der Hilferufe, die ich bekomme.
Aber damit kann man nicht alles erklären oder
sich dahinter verstecken. Manchmal werfen
mir Leute ja vor, ich würde immer nur skanda-
lisieren. Aber zur Überraschung meiner Zuhö-
rer bei Veranstaltungen berichte ich dann ganz
oft über gut geführte Heime, Leitungen und
Teams. Und schon werde ich unterbrochen:
Das gibt es ja gar nicht mehr, das sind doch
nur Ausnahmen, das kann man sich doch gar
nicht leisten. Und dann sage ich: Alle diese
Häuser kochen auch nur mit Wasser und ha-
ben die gleichen Rahmenbedingungen, haben
nicht mehr Personal, haben nicht mehr Geld
zur Verfügung als andere. So einfach kann
man das also nicht zur Seite wischen!
demenz:
Was machen die guten Einrichtungen
anders?
Claus Fussek:
Wertschätzung heißt das
Zauberwort. Meist stinkt ja der Fisch vom Kopf
her. In guten Häusern weiß die Leitung: zu-
friedene Mitarbeiter = zufriedene Gäste oder
Bewohner. Gute Leitungen pflegen ihre Mit-
arbeiter.
Und gegenüber Angehörigen sind sie
ehrlich und sagen: Das und das können wir
leisten, das aber nicht. Und Sie als Angehö-
rige müssen sich auch weiterhin kümmern.
Und: Ohne bürgerschaftliches Engagement
und ehrenamtlich Tätige geht es gar nicht.
Und wenn Mitarbeiter sich beschweren, dann
wird das als Geschenk und Chance und nicht
als Unverschämtheit begriffen. Die Rahmen-
bedingungen von Pflege sind nicht gut, aber
man kann durchaus etwas tun. Nur jammern
geht nicht.
„Meist stinkt ja der Fisch vom Kopf her.
In guten Häusern weiß die Leitung: zufriedene
Mitarbeiter = zufriedene Gäste oder Bewohner.
Gute Leitungen pflegen ihre Mitarbeiter.“
„Wirkungsvoll ist es häufig,
Missstände zu veröffentlichen
oder damit zu drohen.“