Seite 42 - demenz_magazin_17

Basic HTML-Version

40
demenz
DAS MAGAZIN
|
17 · 2013
demenz:
Was sind ganz konkrete Erfolge Ihrer
Arbeit?
Claus Fussek:
Wir haben in vielen Fällen
erreicht, dass Menschen zu Hause leben blei-
ben konnten. In vielen Einrichtungen haben
wir erreicht, dass dort Personal ausgetauscht
wurde, dass sich Angehörige mehr einge-
bracht haben, dass sich die Atmosphäre dort
verbessert hat.
demenz:
Wie erreicht man so etwas? Wie man
hört, soll ja sogar manchmal allein Ihr Name
Wunder wirken.
Claus Fussek:
Das kommt auch schon mal
vor. Ich habe tatsächlich schon erlebt, dass
ich gebeten wurde, bei einer alten Frau im
Krankenhaus vorbeizuschauen, um die man
sich nicht gekümmert, die man nicht gewa-
schen, nicht geduscht hat und so weiter. Dass
die Schwestern mich da gesehen haben und
ich meine Visitenkarte hinterlegt habe, hat
dazu geführt, dass gleich am nächsten Tag das
volle Programm abgelaufen ist. Das fand ich
toll für die Frau, aber insgesamt doch pein-
lich. Wirkungsvoll ist es häufig, Missstände
zu veröffentlichen oder damit zu drohen. Und
da bin ich etwas stolz drauf: dass durch unse-
re Aktivitäten niemand mehr in Deutschland
sagen kann, er habe von nichts gewusst. Kein
Politiker. Kein Heimträger. Niemand.
demenz:
Manche von den Genannten kriti-
sieren Sie ja wegen Ihrer Strategie des Öffen-
lichmachens von Missständen. Was wirft man
Ihnen konkret vor? Wir können die Kritiker ja
nicht direkt fragen, weil sich alle von uns zu
diesem Gespräch Eingeladenen schlicht gesagt
gedrückt haben.
Claus Fussek:
Ich werde von einigen in der
Branche oft als einseitiger Polemiker tituliert,
der die Pflegebranche unter Generalverdacht
stellt. Oder man wirft mir vor, zu emotional zu
sein. Das ist schon ein interessanter Vorwurf.
Wie kann man bei so einem Thema denn zu
emotional sein? Würden wir das etwa beim
Kinderschutzbund, beim Tierschutz oder bei
Misereor sagen? Nein! So eine beschämende
Bagatellisierung und Relativierung kenne ich
eigentlich nur, wenn es um die Würde von
alten und pflegebedürftigen Menschen geht!
Ein anderer Vorwurf lautet, ich würde alten
Menschen Angst vor dem Pflegeheim machen.
So ein Quatsch! Meine größten Fans sind Se-
nioren, die bedanken sich oft bei mir, weil ich
mich für sie einsetze.
Wenn ich denen dann sage, man würde
mir oft vorwerfen, Angst vor dem Pflegeheim
zu schüren, dann kommt als Antwort: „Herr
Fussek, wir sind alt, aber nicht blöd!“ Denen
muss man keine Angst vor dem Heim machen,
die meisten Senioren haben persönliche Er-
fahrungen mit Heimen, Krankenhäusern und
anderen Einrichtungen, und das, was sie leider
dort oft sehen und erleben müssen, ist, was
ihnen Angst macht.
demenz:
Herr Fussek, irgendwie ist es doch
komisch, dass keine Pflegekraft, sondern ein
Sozialarbeiter seit über 30 Jahren der bekann-
teste Pflegekritiker im Land ist.
Claus Fussek:
In der Tat! Das hat mir ein-
mal eine Pflegekraft im Internet vorgeworfen.
Ich habe ihr geantwortet, dass auch mich das
verwundert und empört. Normalerweise wäre
es ja durchaus die Aufgabe der Pflege, jeman-
den wie mich überflüssig zu machen. Aber ich
habe noch nie Pflegekräfte aufgefordert, nichts
zu tun. Ich bin kein Vertreter der Pflegekräfte,
das wollte ich auch nie sein. Ich engagiere
mich für die Opfer. Das sind die Wehrlosesten
in dem System. Wir sprechen von Alten, Be-
hinderten, Kranken, Schwerpflegebedürftigen,
Sterbenden. Über diesen Personenkreis reden
wir und fordern nichts anderes als die Ein-
haltung und Respektierung der elementaren
Grund- und Menschenrechte!
demenz:
Sind die Pflegenden nicht auch in
irgendeiner Weise Opfer?
Claus Fussek:
Ja, selbstverständlich. Das
habe ich doch schon 2002 in meinen Min-
destanforderungen an eine menschenwürdige
Pflege geschrieben: Wir wollen menschen-
würdige Lebensbedingungen für die Alten,
dazu brauchen wir auch menschenwürdige
Arbeitsbedingungen für die Pflegenden. Und
dennoch darf man da zwei Dinge nicht auf
dieselbe Ebene stellen. Das schwächste Glied
in der Kette und die Wehrlosesten sind immer
noch die Pflegebedürftigen und Alten. Die
Pflegenden sehen sich auch als Opfer, aber
man muss ihnen sagen: Ihr habt einen krisen-
sicheren Beruf. Ihr könnt die Stelle wechseln,
Pflegekräfte werden überall gesucht. Wenn
fünf Pflegekräfte und die Heimleitung wech-
seln, ist das Heim „tot“. Pflegekräfte und An-
gehörige müssen sich nur zusammenschließen
und den Mund aufmachen! Es wissen doch
alle Bescheid.
demenz:
Noch einmal die Frage: Was brauchen
wir, damit sich etwas zum Positiven wendet?
Claus Fussek:
Zum einen eine Art Früh-
warnsystem in jeder Einrichtung, in jedem
Heim, in jedem Krankenhaus. Das muss beim
Hausarzt beginnen und so ähnlich wie der
Kinderschutz funktionieren. Wir brauchen wei-
terhin in allen Einrichtungen, die täglich mit
Überlastung und Überforderung konfrontiert
werden, ein Zwischenelement: Sozialpädago-
gen, Psychologen, Therapeuten, Seelsorger,
die Unterstützung und Entlastung für beruflich
Pflegende und Angehörige bieten.
Und inzwischen brauchen wir in den meis-
ten Einrichtungen auch Dolmetscher. Super-
vision und Auszeiten. Ein Satz, den ich oft
zu hören bekomme, lautet: Danke, dass Sie
mir zugehört haben! Und dann: Danke, dass
sie mir geglaubt haben! Stellen Sie sich vor:
dass Sie mir geglaubt haben! Wir müssen das
Klima der Angst abbauen. Wenn wir das nicht
schaffen, dann weiß ich nicht, wie wir etwas
bewegen sollen. Und darum benötigen wir
mehr Zivilcourage. Wir dürfen nicht länger
wegschauen. Wir müssen mehr Verantwortung
übernehmen. Und wir müssen uns darüber
klar werden, dass das Ausmaß von Missstän-
den in der Pflege deutlich gravierender ist,
als wir es wahrhaben wollen. Die Pflegenoten
– das sind ja durchweg absurde Pflegenoten
der Superlative – und die gleichzeitig hundert-
prozentige – in Anführungszeichen „nordko-
reanische“ – Kundenzufriedenheit, haben mit
der Pflegerealität in den Heimen absolut nichts
zu tun. Stattdessen müssten alle Pflegekräfte
nur offen und ehrlich das dokumentieren, was
sie aufgrund der bekannten Personalsituation
tatsächlich tagtäglich leisten. Dann hätten wir
die Pflegesituation schwarz auf weiß. Damit
könnten wir dann Kostenträger, Gesellschaft
und Politik konfrontieren.
demenz:
Ein wunderschöner Schlusssatz.
Vielen Dank für das Gespräch!
Kontakt Claus Fussek:
E-Mail: familie@c-fussek.de
Peter Wißmann
ist Geschäftsführer der Demenz Sup-
port Stuttgart gGmbH, stellvertretender Vorsitzender
der Aktion Demenz e. V. und geschäftsführender Her-
ausgeber von
demenz
.
„Wir müssen das Klima der Angst abbauen.
Wenn wir das nicht schaffen, dann weiß ich
nicht, wie wir etwas bewegen sollen.“