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demenz
DAS MAGAZIN
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17 · 2013
demenz:
Herr Brühl, Sie gehen einer sehr an-
spruchsvollen Freizeitbeschäftigung nach. Sie
verfassen die Chronik Ihres Heimatortes. Wie
kann ich mir das vorstellen?
Wihelm Brühl:
Na, das fängt mit einem
ganz intensiven Lesen an: Die ältesten verfüg-
baren Protokolle sind in hochmittelalterlicher
Sprache verfasst, da war noch keine Groß-
und Kleinschreibung bekannt. Dann müssen
Begriffe aus der ländlichen Umgangssprache
identifiziert werden. Die Menschen haben da-
mals phonetisch geschrieben, das heißt, sie
schrieben die Begriffe so, wie sie auch von
ihnen ausgesprochen wurden. Diese müssen
dann in unsere moderne Sprache übersetzt
werden, damit sie von den Lesern nachvollzo-
gen werden können. Vieles dreht sich in den
Protokollen um die Rechtsprechung.
Ein ganz interessantes Beispiel ist die
Ahndung von Fisch- und Wildfrevel. In der
Regel wurde das ganz streng bestraft. Auf dem
Henkerstein wurde dem Frevler die Hand ab-
gehackt. Es gab nur eine Ausnahme von der
Strafe: wenn der Dieb zu Hause eine schwan-
gere Frau hatte, die Gelüste auf Fisch oder
Wild bekundete!
Privatgelehrter
trotzt
Demenz
Wilhelm Brühl
ist Mitglied von Elan Vital, der unterstützten
Selbsthilfegruppe für Menschen mit Demenz im
Rhein-Hunsrück-Kreis. Er ist pensionierter Oberstudienrat
und ein begnadeter Erzähler. Man wünscht sich hin und
wieder, ihn als Lehrer gehabt zu haben.
Das Ehepaar Brühl hat mich freundlicherweise zu diesem Gespräch zu sich nach Hause
eingeladen. Und so sitzen wir nun gemütlich vor dem Kachelofen und unterhalten uns
über Reisen in die USA, durch die Türkei, Syrien und Jordanien, die leuchtenden Farben
von Jerusalem, die Freude an Flora, Fauna und am Bergsteigen in den Südtiroler
Dolomiten sowie über die Rechtsprechung im Mittelalter. Ach ja, und natürlich darüber,
wie es denn so ist, das Leben mit Demenz.
Interview
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Andrea Kynast
demenz:
Das ist ja spannend. Da gab es also
bei aller Härte auch Rücksicht auf ganz be-
sondere familiäre Situationen. Aber an eine
solche Arbeit muss man sicher sehr diszipli-
niert herangehen, oder?
Wihelm Brühl:
Ja, ich habe in den vergan-
genen Jahren etwa 150 Seiten verfasst. In der
Regel fange ich morgens nach dem Frühstück
an zu arbeiten, da kann ich mich am besten
konzentrieren. Es ist ja eine sehr komplexe
Sache: Mithilfe der Gemeinderatsprotokol-
le, die ich vom Staatsarchiv in Koblenz habe,
versuche ich, die geschichtlichen Zusammen-
hänge darzustellen.
demenz:
Bei dieser Arbeit handelt es sich ja
auch um eine beachtliche intellektuelle Leis-
tung! Es ist im Grunde wissenschaftliches Ar-
beiten. Da sind Sie ja quasi ein Privatgelehrter.
Wihelm Brühl
(lacht)
: Ja, ich bin in der Ma-
terie ganz gut drin. Aber in anderer Hinsicht
merke ich schon hin und wieder die Lücken.
Dann macht sich die Demenz bemerkbar.
demenz:
Woran haben Sie eigentlich erkannt,
dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist. Oder,
anders gefragt, was war denn damals der An-
lass für Sie, sich für eine Demenzdiagnostik
zu entscheiden?
Wihelm Brühl:
Meine Frau hatte bereits
früher hin und wieder die Vermutung, dass
irgendetwas nicht stimmt. Aber der Auslöser
für mich war ein Zwischenfall im Urlaub im
Allgäu. Ich war mit meiner Frau in Oberstdorf
unterwegs und sie ging in ein Schuhgeschäft,
während ich allein weiter ging. Plötzlich wuss-
te ich nichts mehr. Ich wusste nicht, in welches
Geschäft meine Frau gegangen war und ich
wusste nicht, in welcher Pension wir wohnten.
Ich wusste nur, dass die Pension einen et-
was altertümlichen Namen hatte. Ich geriet
völlig in Panik und wandte mich dann an die
Touristeninformation. Der Hinweis mit dem
altertümlichen Namen führte die Mitarbeiter
dort zur Pension „Zufriedenheit“. Sie riefen da
an und bekamen bestätigt, dass ein Zimmer
auf unseren Namen reserviert war. Meine Frau
holte mich dann ab. Diese Panik war eine sehr
extreme Erfahrung. Und die ganze Geschichte
ein entscheidender Hinweis für mich, dass
etwas nicht stimmt.
demenz:
Hatte dieses Erlebnis zur Folge, dass
Sie nun nicht mehr allein unterwegs sind?
Wihelm Brühl:
Nein! Aber ich schreibe mir
beispielsweise Namen oder Telefonnummern
auf und trage sie in der Tasche bei mir. So
habe ich zum Beispiel immer die Einladung
zu den Treffen der Selbsthilfegruppe in meiner
Aktentasche, weil darauf auch die Adresse des
Gesundheitszentrums steht, wo die Treffen
stattfinden.
demenz:
Sie haben sich also Strategien für den
Alltag entwickelt?
Wihelm Brühl:
Ja. Man versucht ja lange,
etwas aufrechtzuerhalten, aber man darf sich
nicht selbst belügen. Wenn mir etwas nicht
einfällt, dann versuche ich lange, es selbst
herauszufinden. Wenn es mir aber nicht ge-
„Es fällt mir schwer, mich
bestimmten Situationen
auszusetzen. Ich stelle mir vor,
wie das ist, wenn sich alle über
aktuelle Themen unterhalten
und ich kann am Ende keinen
Beitrag dazu leisten.“