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demenz
DAS MAGAZIN
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17 · 2013
Ich weiß nicht, wie viele Vorträge zum Thema Demenz
ich schon gehalten habe. Immer bin ich erstaunt und
auch beruhigt, wenn ich erlebe, wie selbstverständlich
die Menschen, die mir zuhören, an der Frage interes-
siert sind, wie es den Menschen mit Demenz besser
gehen kann. Nie habe ich einen Unterton gehört, in dem
ein „Weg mit denen!“ zu vernehmen gewesen wäre.
Wird das so bleiben, wenn es noch mehr Menschen
mit Demenz, wenn es noch weniger Junge gibt, wenn
ökonomische Krisen bis zu uns durchschlagen und die
Spielräume, auch die ökonomischen, kleiner werden?
„Liebe“, der Film von Michael Haneke, der einen Oscar
bekommen hat, schlägt ja eine andere Lösung vor: Mord
und Selbstmord. Der verzweifelt-resignierte Ehemann
tötet seine immer wirrere Frau und dann sich selbst.
„Ausgelöscht“, ein Demenzfilm mit Klaus Maria Bran-
dauer, variiert das Motiv: Die Frau vergiftet hier den
Mann.
Natürlich steht es mir nicht zu, diese Tötungsdelikte
zu verurteilen. Auch nicht die Selbsttötung von Gunther
Sachs, der sich verdächtigte, die Alzheimerkrankheit zu
bekommen. Aber ich frage mich schon, ob sich da eine
neue Antwort auf das Demenzthema meldet. Sind die
Menschen so verzweifelt, so alleingelassen, dass sie
nur noch den Weg sehen: Schluss machen? Ist nicht
die Demenz die größte denkbare Kränkung in einer
Gesellschaft der Fitten und Leistungsfähigen, sodass
den Betroffenen nur der Ausstieg bleibt?
Wir leben in einer Positivgesellschaft – so hat es der
Berliner Philosoph Byung Chul Han gesagt. Man muss
konstruktiv sein, muss Lösungen parat haben. Dabei
konfrontiert uns die Demenz mit dem ärgerlichen,
herausfordernden Tatbestand, dass sie uns oft gera-
de keine guten Antworten und Lösungsmöglichkeiten
ermöglicht. Wenn der sechzigjährige Mann, der seine
demente Mutter pflegt, fünfmal in der Nacht geweckt
wird mit dem Satz: „Das Essen ist fertig!“ – dann gibt es
in dieser Lage kaum eine wirklich gute Antwort: phar-
makologisch ruhigstellen? Einschließen? Festbinden?
Schlagen? Selber verrückt werden?
Die Demenz spuckt der Positivgesellschaft ins Ge-
sicht. Oder sollte man sagen: Sie könnte, richtig ver-
standen, unseren Erlösungs- und Konzeptzwang infrage
stellen. Demenz verlangt uns etwas Ungewöhnliches ab:
das Eingeständnis der Hilflosigkeit. Klar, man kann viel
machen, aber im Kern sind wir ohnmächtig. Heilung gibt
es nicht. Man kriegt die Demenz nicht weg. Die Fitten,
die Schnellen, die Autonomen, die Beschleunigten, die
Leistungsfähigen müssen zähneknirschend feststellen,
dass da in ihrer Mitte etwas wächst, was höchst beun-
ruhigend ist, was den Alltag infrage stellt.
Passiver Widerstand gegen bedrückende
Lebensverhältnisse
Die Leistungsgesellschaft, die den Menschen unter
Dauerstrom setzt, die an seine innersten Kraftreserven
heran will, die keine Ruhe zulässt und jeden in jedem
Augenblick vor die Frage stellt: Bist du noch wach? Leis-
tungsfähig? Konkurrenzfähig? Bist du ein konsumfähiger
Single? Diese Leistungsgesellschaft produziert immer
mehr ihre eigenen Aussätzigen: Burn-out. Depression.
ADHS. Die psychischen Krankheiten nehmen zu. Die
Zahl der Menschen, die nicht mehr standhält, nimmt zu.
Und vielleicht sind das diejenigen, die mehr verstanden
haben als die, die funktionieren?
Wenn man will, dann kann man die Zunahme von
Störungen als einen stillen, passiven Widerstand gegen
bedrückende Lebensumstände sehen. Die Menschen
ertragen die Wirklichkeit nicht mehr, sie geben auf,
sie zerbrechen. Sie wehren sich nicht, ihr Widerstand
richtet sich nicht nach außen, er richtet sich gegen sie
selbst. Die kranke Gesellschaft lagert ihre Krankheit in
den Individuen ab, verschiebt sie dorthin und empört
sich dann über die Schlappheit der Kaputten – und gibt
ihnen noch die Schuld an ihrer Gebrochenheit.
Wer oder was ist hier eigentlich „krank“?
Mit der Demenz ist es ähnlich, nur noch schlimmer. Die
Rede von der Demenz„krankheit“ sperrt das Phänomen
zunehmender Verwirrtheit unter uns in eine medizini-
sche Ecke. Da muss die Frage nach dem „Warum?“ nicht
mehr gestellt werden, sie verschwindet in der Diagnose.
Niemand muss mehr die Frage nach der Pathologie der
Gesellschaft stellen: einer Gesellschaft, in der die Alten
im Wesentlichen Unangesprochene, Verlassene sind.
Menschen, die ständig demonstriert bekommen, dass
ihre Erfahrungen und Kenntnisse überholt sind – reif
für die Mülltonne. Samuel Beckett hat das Theaterstück
„Endspiel“ geschrieben. Da sitzen die Alten schon in der
Demenz passt nicht in eine Gesellschaft des Fortschritts,
in der alles dem Effizienzdenken untergeordnet ist und
Leistungsfähigkeit als höchste Tugend gilt
Reimer Gronemeyer
Ist die Demenz die
größte denkbare
Kränkung in einer
Gesellschaft der Fitten
und Leistungsfähigen,
sodass den
Betroffenen nur der
Ausstieg bleibt?
Die kranke Gesellschaft lagert ihre Krankheit in den
Individuen ab, verschiebt sie dorthin und empört sich
dann über die Schlappheit der Kaputten.
Demenz – ein ambivalentes